Historische Blechschindeln neu entdeckt: Vorbildliches Sanierungsprojekt in Niederurff steht für nachhaltige Baukultur
Veröffentlicht am:
21.05.2026
Niederurff (Bad Zwesten), 6. Mai 2026 – Eine ehemalige jüdische Metzgerei im Ortskern von Niederurff, einem Ortsteil von Bad Zwesten im Schwalm-Eder-Kreis, wurde zu einem besonderen Schmuckstück, weil der Eigentümer, Dr. Stefan Pollmächer, genau hingeschaut und den Wert der historischen Blechschindelfassade erkannt hat. Gemeinsam mit zwei Restauratoren untersuchte er diese besondere, seit dem 19. Jahrhundert europaweit vorkommende Art der Fassadenverkleidung und entschied, sie nicht zu entsorgen, sondern behutsam zu reparieren.
Die Schindeln wurden sorgfältig dokumentiert, nummeriert und behutsam abgenommen. Nach erfolgter Reinigung und Aufbereitung wurden die Schindeln
wieder an die Fassade angebracht. Verformte Elemente konnten mit Hilfe von Wärme wieder in ihre ursprüngliche Form gebracht werden, nur dort, wo keine
Reparatur möglich war, wurden bauzeitliche Schindeln aus anderen Baustellen ergänzt. Eine besondere Herausforderung stellten die Übergänge und die bauliche Schieflage des Gebäudes dar, für die eigens ein neues angepasstes Raster entwickelt wurde.
Auch für die beiden Restauratoren war diese Maßnahme ein Experiment, das nun wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert wird, damit das gewonnene Wissen zukünftig auch auf andere Gebäude übertragen werden kann. „Die Instandsetzung der historischen Blechschindelfassade in Niederurff war für uns in vielerlei Hinsicht Neuland. Viele Techniken mussten neu gedacht, historische Materialien neu bewertet und handwerkliche Lösungen eigens entwickelt werden“, sagt Philipp Alexander Sojka, Restaurator und Goldschmied
aus Schwalmstadt. Dass es gelungen sei, daraus ein Modellprojekt zu machen, zeige, wie wichtig Mut, Fachwissen und die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten vor Ort seien, ergänzt Rainer Scherb, Schreinermeister und Restaurator aus Gilsa und betont: „Blechschindeln sind sehr gut formbar, bieten Schutz vor Korrosion und entfalten eine eigenständige, zeitlose Ästhetik.“
aus Schwalmstadt. Dass es gelungen sei, daraus ein Modellprojekt zu machen, zeige, wie wichtig Mut, Fachwissen und die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten vor Ort seien, ergänzt Rainer Scherb, Schreinermeister und Restaurator aus Gilsa und betont: „Blechschindeln sind sehr gut formbar, bieten Schutz vor Korrosion und entfalten eine eigenständige, zeitlose Ästhetik.“
Das Ergebnis ist eine liebevoll wiederhergestellte Fassade mit einem ganz besonderen Charme. „Ich gehe davon aus, dass für die nächsten 100 Jahre an der Fassade Ruhe ist“, so Pollmächer, der jetzt ein Lager für historische Blechschindeln eingerichtet hat. Interessierte können sich gerne bei ihm melden, wenn sie historische Blechschindeln entsorgen oder ihre Fassade reparieren wollen. „Das Projekt verdeutlicht eindrucksvoll, wie Denkmalpflege, handwerkliches Können und Ressourcenschonung ineinandergreifen können“, sagte Elke Hamacher, Bezirksdenkmalpflegerin im Landesamt für Denkmalpflege Hessen. „Wir finden Blechschindeln auf Dachböden, in Scheunen oder bei Sanierungsmaßnahmen. Derart langlebige historische Materialien sind besonders wertvolle, da sie sich – ebenso wie viele andere historische Baustoffe – hervorragend für die Wiederverwendung eignen.“ Das Projekt setze wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Baukultur und sei ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen und gelebte Denkmalpflege. Die Umsetzung der vorbildlichen Maßnahmen wurde mit Denkmalfördermitteln des Landes unterstützt.
Hintergrund:
Der historische Ortskern von Niederurff mit der Burg wurde als charakteristisches Beispiel einer von der Landwirtschaft, einem Adelssitz und einer Wehrkirche geprägten Ortsentwicklung in die Liste der Kulturdenkmäler in Hessen eingetragen. In der Ortsmitte befindet sich auch die ehemalige jüdische Metzgerei als Teil einer giebelständigen Straßenbebauung. Das Gebäude in der Parkstraße 12 trägt maßgeblich zum Denkmalwert der Gesamtanlage, die aus Fachwerkgebäuden des 18. und 19. Jahrhunderts besteht, bei und ist bis heute ein wichtiger Teil der jüdischen Geschichte des Ortes.
Weiterführende Informationen zum Thema liefert das Arbeitsblatt "Historische Fassadenbehänge aus Blech", das in der Reihe der Johannesberger Arbeitsblätter erschienen ist und über die Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege in der Propstei Johannesberg in Fulda erworben werden kann: https://denkmalpflegeberatung.de/2025/02/03/johannesberger-arbeitsblaetter-
2024-erschienen/)